Der Giftgnom - Ein Märchen

Es war einmal ein junger Mann, der war über die Jahre immer älter geworden. Eines Tages stellte er fest, das etwas in seinem Leben fehlte. Er suchte und konnte es nicht finden.

"Ach", sprach er, "ich bin mir so sicher, dass da etwas ist, was ich nicht habe, Dabei habe ich doch alles, was ich mir wünschen könnte. Ein Haus, zwei glückliche Kinder, eine liebe Frau und immer genug zu Essen. Selbst für das Alter habe ich gespart, so dass ich nie werde Hunger leiden müssen".

Wie er so grübelte, klopfte es an die Tür und als er nachsehen ging, wer da wohl war, da war's ein kleines Männchen, ging ihm nur bis zur Brust und hatte einen langen, zotteligen Bart.

"Du schaust ja wie sieben Tage Regen", sagte das Männchen. "Da wird einem in der Nachbarschaft ja schon die Milch sauer. Der Mann war zwar verwundert, erzählte aber dem Männchen, worüber er grübelte. Das Männchen aber, das war ein falscher Giftgnom und die werden ja bekanntlich angezogen, von den Sorgen und von der Sehnsucht der Menschen.

"Ich will dir zeigen, woran es dir fehlt", sagte der Gnom. Komm mit mir in die Welt hinaus.

Er führte den Mann in eine Gasse der Stadt, in der die Schmuck- und Juwelenhändler ihre Reichtümer ausstellten. "Hier wirst du finden, wonach dir verlang", sager er, hoffte aber, dass er von den Juwelen den größten Teil für sich selbst abzweigen könne.

Aber der Mann interessierte sich nicht für die Reichtümer. Der Gnom führte ihn weiter in die Straße, in der die Huren in den Freudenhäusern ihre Dienste anboten. Doch auch hier wollte es dem Mann nicht gefallen.

Zuletzt führte ihn der Gnom in eine Wirtsstube, in der der beste und stärkste Wein der Stadt ausgeschenkt wurde.

"Gut", sprach der Mann, "ich will hier einkehren und einen Trunk nehmen. Der Gnom setzte sich hinzu und ließ sich frei halten und so tranken sie und aus einem Trunk wurden zwei und drei, die Nacht brach herein, es wurde Tag, es fiel der Schnee und es wurde wieder Mai und als er zu Sinnen kam, waren sieben Jahre vergangen. Der Gnom war fort, seine Taschen waren leer und so stand er ganz allein auf der Straße und wusste nicht, wohin. Da erinnerte er sich an seine Familie und sein Haus, doch als er dort hin kam, da kannte ihn niemand, denn seine Frau war inzwischen mit einem anderen gegangen und die Kinder waren ihrer Wege gegangen und standen jedes für sich im Leben.

Traurig ging er fort und ging über Berg und Tal und kam endlich zu einer kleinen Kirche. Darin auf dem Altar war ein Spiegel und in den Griff, da war eine schöne Perle eingelassen. Es hieß aber, dass dieser Spiegel jedem die Wahrheit zeigte und dass die Perle, wenn man sie berührte, Heilung der Seele schenkte.

Wie erstaunt war er aber, als er in den Spiegel blickte und darin nur den leeren, blauen Hmmel zu sehen bekam. Und auf einmal, als er die Perle in dem Griff berührte, da wurde ihm ganz leicht ums Herz und er konnte alle Sorgen und alle Gedanke, die in quälten gehen lassn. Alle Sehnsüchte und unerfüllten Wünsche waren wie weggeblasen.

Beschwingt ging er weiter, fand ein Haus, das ihm gefiel und wohnte fortan dort.

Einmal kam wie durch einen Zufall der Giftgnom an seinem Haus vorbei und als sie sich erkannten, da war es eine Freude, wie wenn man einen alten Freund wieder trifft. Der Gnom blieb zum Essen und sie plauderten über die alten Zeiten. Doch dann machte er sich auf und ging seiner Wege, denn hier war für ihn nichts mehr zu holen. (Michael Baumeister, Mai 2019)

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